Echte Kamille

Botanischer Name

Echte Kamille – Matricaria chamomilla L.

In der medizinischen Fachliteratur und in den Monografien der Europäischen Arzneimittel-Agentur wird überwiegend das Synonym Matricaria recutita L. verwendet.

Familie

Korbblütler (Asteraceae)


Verbreitung und Lebensraum

Die Echte Kamille stammt ursprünglich aus Europa und Westasien. Inzwischen ist sie durch menschliche Ausbreitung und Kultivierung auch in zahlreichen anderen Teilen der Welt anzutreffen.

Sie wächst bevorzugt auf offenen, nährstoffreichen und häufig vom Menschen beeinflussten Standorten. Typische Vorkommen finden sich an Acker- und Wegrändern, auf Brachen, Schuttflächen und Ruderalstellen. Da die Echte Kamille konkurrenzschwach ist, profitiert sie von regelmäßig offenen Bodenstellen.

Für die Arzneimittelproduktion wird sie in verschiedenen Ländern angebaut. Die Herkunft der Handelsdroge kann sich mit den jeweiligen Anbau- und Lieferbedingungen verändern und sollte deshalb anhand aktueller Lieferantenangaben belegt werden.

Namensherkunft

Der Gattungsname Matricaria wird gewöhnlich auf das lateinische Wort matrix beziehungsweise den Genitiv matriciszurückgeführt. Der Begriff bezeichnet unter anderem die Gebärmutter. Der Name verweist vermutlich auf die frühere volksheilkundliche Verwendung der Pflanze bei Beschwerden im Zusammenhang mit Menstruation und Gebärmutter.

Die deutsche Bezeichnung „Kamille“ gelangte wahrscheinlich über das Lateinische und Griechische in den deutschen Sprachraum. Eine vollständig gesicherte Herleitung ist nicht möglich.

Botanische Merkmale

Die Echte Kamille ist eine einjährige krautige Pflanze. Sie erreicht gewöhnlich eine Höhe von etwa 15 bis 50 Zentimetern. Der aufrechte Stängel ist kahl und im oberen Bereich meist deutlich verzweigt.

Die Blätter stehen wechselständig. Sie sind zwei- bis dreifach gefiedert und in schmale, nahezu fadenförmige Abschnitte unterteilt.

Die vermeintliche Einzelblüte ist ein Blütenkorb, der sich aus zahlreichen kleinen Einzelblüten zusammensetzt. Im Zentrum stehen gelbe Röhrenblüten. Sie werden von weißen Zungenblüten umgeben, die im Verlauf der Blüte häufig nach unten zurückschlagen.

Der Blütenboden verlängert sich während des Aufblühens und wird zunehmend kegelförmig. Im Inneren ist er hohl. Außerdem fehlen zwischen den Einzelblüten die sogenannten Spreublätter. Diese Merkmale sind für die Abgrenzung von ähnlich aussehenden Korbblütlern wichtig.

Die Pflanze besitzt einen ausgeprägten, charakteristischen Kamillengeruch. Ihre Hauptblütezeit reicht ungefähr von Mai bis September.

Verwechslungsmöglichkeiten

Ein hohler Blütenboden ist ein wichtiges Bestimmungsmerkmal, reicht allein aber nicht immer für eine sichere Bestimmung aus. Zusätzlich sollten Geruch, Blattform, Blütenaufbau und das Fehlen von Spreublättern berücksichtigt werden.

Verwechslungen sind unter anderem mit folgenden Arten möglich:

  • Geruchlose Kamille (Tripleurospermum inodorum)

  • Acker-Hundskamille (Anthemis arvensis)

  • Stinkende Hundskamille (Anthemis cotula)

  • Strahlenlose Kamille (Matricaria discoidea)

  • Römische Kamille (Chamaemelum nobile)

Insbesondere die Hundskamillen können bei empfindlichen Menschen Hautreaktionen auslösen. Wild gesammelte Blüten sollten daher nur verwendet werden, wenn die Pflanzen sicher bestimmt wurden.

Arzneilich verwendete Pflanzenteile

Arzneilich genutzt werden die getrockneten Blütenköpfchen. Die Drogenbezeichnung lautet:

Kamillenblüten – Matricariae flos

Aus frischen oder getrockneten Blüten beziehungsweise blühenden Sprossspitzen wird außerdem durch Wasserdampfdestillation ätherisches Kamillenöl gewonnen:

Kamillenöl – Matricariae aetheroleum

Kamillenblüten und Kamillenöl sind unterschiedliche Arzneidrogen. Ihre Anwendungsgebiete und Dosierungen dürfen nicht ohne Weiteres gleichgesetzt werden.

Inhaltsstoffe

Kamillenblüten enthalten ätherisches Öl, Flavonoide, Phenolcarbonsäuren, Schleimstoffe und weitere sekundäre Pflanzenstoffe.

Zu den charakteristischen Bestandteilen des ätherischen Öls gehören:

  • α-Bisabolol

  • verschiedene Bisabololoxide

  • En-In-Dicycloether

  • Chamazulen

In der intakten Pflanze liegt Chamazulen nicht in dieser Form vor. Es entsteht während der Wasserdampfdestillation aus Vorstufen wie Matricin. Das gebildete Chamazulen verleiht vielen Kamillenölen ihre intensive blaue Färbung. Der Farbton und die Zusammensetzung können jedoch von der jeweiligen Kamillensorte und dem Herstellungsverfahren abhängen.

Die Inhaltsstoffe befinden sich vor allem in Drüsenstrukturen auf den Blüten. Beim Zerreiben werden diese beschädigt, sodass ätherisches Öl und charakteristische Duftstoffe freigesetzt werden.

Qualitätsanforderungen

Das Europäische Arzneibuch enthält Qualitätsvorgaben für:

  • Kamillenblüten, Matricariae flos

  • Kamillenfluidextrakt, Matricariae extractum fluidum

  • Kamillenöl, Matricariae aetheroleum

Die Monografien legen Anforderungen an Identität, Reinheit und Zusammensetzung fest. Selbst gesammelte Kamillenblüten entsprechen nicht automatisch der Arzneibuchqualität.

Medizinische Bewertung

Bewertung durch das HMPC

Das HMPC hat bestimmte Zubereitungen aus Kamillenblüten und Kamillenöl als traditionelle pflanzliche Arzneimittel bewertet.

Diese Einstufung beruht auf langjähriger Anwendung. Sie ist nicht gleichbedeutend mit einem umfassenden Wirksamkeitsnachweis durch klinische Studien.

Traditionelle Anwendungsgebiete der Kamillenblüten

Nach der HMPC-Monografie können bestimmte Zubereitungen aus Kamillenblüten traditionell verwendet werden:

  • innerlich bei leichten Magen-Darm-Beschwerden wie Blähungen und geringfügigen Krämpfen

  • als Inhalation zur Linderung von Beschwerden einer gewöhnlichen Erkältung

  • bei leichten Geschwüren und Entzündungen im Mund- und Rachenraum

  • unterstützend bei Haut- und Schleimhautreizungen im Anal- und Genitalbereich, nachdem ernsthafte Erkrankungen ärztlich ausgeschlossen wurden

  • äußerlich bei leichten Hautentzündungen, Sonnenbrand, oberflächlichen Wunden und kleinen Furunkeln

Die ursprüngliche Aussage, Kamillenblüten könnten bei Erkältungen „eingenommen“ werden, ist zu korrigieren. Die HMPC-Monografie bezieht das Anwendungsgebiet Erkältung auf die Inhalation, nicht auf das Trinken von Kamillentee.

Traditionelles Anwendungsgebiet von Kamillenöl

Die HMPC-Monografie nennt für Kamillenöl ausschließlich die unterstützende Anwendung als Badezusatz bei Reizungen der Haut und im Anal- beziehungsweise Genitalbereich. Zuvor müssen ernsthafte Ursachen ärztlich ausgeschlossen worden sein.

Die HMPC-Bewertung von Kamillenöl umfasst weder die Einnahme noch die Verwendung zur Dampfinhalation.

Bewertung durch ESCOP

ESCOP beschreibt Kamillenblüten traditionell unter anderem:

  • innerlich bei leichten krampfartigen Magen-Darm-Beschwerden, Blähungen und Aufstoßen

  • äußerlich bei leichten Entzündungen von Haut und Schleimhäuten

  • als Mundspülung bei Beschwerden im Mundraum und am Zahnfleisch

  • als Inhalation bei Beschwerden der Atemwege

  • in geeigneten Zubereitungen für den Anal- und Genitalbereich

Bewertung durch die Kommission E

Die Kommission E bewertete Kamillenblüten für die innerliche Anwendung bei krampfartigen und entzündlichen Erkrankungen des Magen-Darm-Trakts positiv.

Als äußerliche Anwendungsbereiche nannte sie unter anderem:

  • Entzündungen von Haut und Schleimhäuten

  • Entzündungen im Mundraum und am Zahnfleisch

  • Reizzustände der Atemwege in Form von Inhalationen

  • Beschwerden im Anal- und Genitalbereich in Form von Bädern oder Spülungen

Bei der Kommission E handelt es sich um historische Monografien. Für aktuelle Anwendungshinweise sollten die HMPC-Monografien und die Packungsbeilage des jeweiligen Arzneimittels herangezogen werden.

Darreichungsformen

Kamillenblüten und ihre Zubereitungen sind unter anderem erhältlich als:

  • lose Blüten oder Arzneitee im Aufgussbeutel

  • Fluid- und Trockenextrakte

  • alkoholische und wässrige Auszüge

  • Mund- und Gurgellösungen

  • Cremes und Salben

  • Lösungen für Waschungen und Umschläge

  • Badezusätze

  • standardisiertes ätherisches Kamillenöl

Homöopathische Zubereitungen sind von pflanzlichen Arzneimitteln abzugrenzen. Für sie gelten andere Herstellungs- und Bewertungsgrundlagen. Ihre Nennung ist kein Nachweis einer über Placeboeffekte hinausgehenden Wirksamkeit.

Dosierung von Kamillenblüten

Die Dosierung hängt von Anwendungsart, Zubereitung und Alter ab. Bei Fertigarzneimitteln gelten die Angaben der Packungsbeilage.

Bei leichten Magen-Darm-Beschwerden

Für Jugendliche ab zwölf Jahren und Erwachsene nennt die HMPC-Monografie:

  • 1,5 bis 4 Gramm Kamillenblüten

  • mit 150 Millilitern kochendem Wasser übergießen

  • drei- bis viermal täglich als frisch zubereiteten Aufguss trinken

Die Angabe der Vorlage, das Wasser dürfe nicht kochen, entspricht nicht der HMPC-Monografie. Dort wird ausdrücklich kochendes Wasser genannt.

Anwendung bei Kindern

Die pauschale Aussage, Kamillenblüten seien für Kinder unter zwölf Jahren nicht empfohlen, ist falsch.

Für Kamillentee bei leichten Magen-Darm-Beschwerden nennt die HMPC-Monografie folgende Dosierungen:

AlterKamillenblüten pro AufgussHäufigkeit6 Monate bis 2 Jahre0,5 bis 1 Gramm2- bis 4-mal täglich2 bis 6 Jahre1 bis 1,5 Gramm2- bis 4-mal täglich6 bis 12 Jahre1,5 bis 3 Gramm2- bis 4-mal täglichab 12 Jahren1,5 bis 4 Gramm3- bis 4-mal täglich

Für Säuglinge unter sechs Monaten ist die orale Anwendung als Tee nicht vorgesehen. Die Dosierungen gelten für Arzneitee bei dem genannten Anwendungsgebiet. Andere Extrakte und Darreichungsformen besitzen teilweise abweichende Altersgrenzen.

Vor einer medizinischen Anwendung bei Säuglingen und kleinen Kindern sollte kinderärztlicher oder pharmazeutischer Rat eingeholt werden.

Mundspülung und Gurgellösung

Für Jugendliche ab zwölf Jahren und Erwachsene nennt die HMPC-Monografie einen Aufguss aus:

  • 1 bis 5 Gramm Kamillenblüten

  • 100 Millilitern Wasser

Die Zubereitung kann mehrmals täglich zum Spülen oder Gurgeln verwendet werden. Vorher muss sie ausreichend abgekühlt sein.

Für jüngere Kinder ist diese Anwendung nur geeignet, wenn sie die Lösung sicher ausspucken und sich nicht verschlucken können. Die konkrete Altersgrenze hängt von der verwendeten Zubereitung ab.

Äußerliche Anwendung

Für Waschungen oder getränkte Auflagen bei leichten Hautentzündungen, kleinen oberflächlichen Wunden oder Furunkeln nennt die HMPC-Monografie:

  • 3 bis 10 Gramm Kamillenblüten

  • auf 100 Milliliter Wasser

  • Anwendung mehrmals täglich

Offene, tiefe, stark entzündete oder schlecht heilende Wunden gehören in medizinische Behandlung.

Anal- und Genitalbereich

Für Spülungen nennt die HMPC-Monografie 4,5 bis 5 Gramm Kamillenblüten auf einen Liter Wasser. Diese Anwendung ist nur ergänzend vorgesehen, nachdem ernsthafte Ursachen ärztlich ausgeschlossen wurden.

Eigenständige Vaginalspülungen sind kritisch zu beurteilen, da sie die Schleimhaut und das natürliche Scheidenmilieu beeinträchtigen können. Die HMPC-Monografie rechtfertigt keine routinemäßige Selbstbehandlung unklarer genitaler Beschwerden.

Inhalation bei Erkältungsbeschwerden

Für Jugendliche ab zwölf Jahren und Erwachsene nennt die HMPC-Monografie 3 bis 10 Gramm Kamillenblüten auf 100 Milliliter heißes Wasser. Für Kinder zwischen sechs und zwölf Jahren werden 2 bis 5 Gramm auf 100 Milliliter genannt.

Von der klassischen Inhalation über einer offenen Schüssel mit sehr heißem Wasser ist besonders bei Kindern abzuraten. Dabei besteht ein erhebliches Verbrühungsrisiko, wenn das Gefäß umkippt oder heißes Wasser verschüttet wird. Sicherer ist ein dafür vorgesehener Dampfinhalator.

Eine Inhalation mit ätherischem Kamillenöl ist nicht von der HMPC-Monografie für Kamillenöl umfasst. Die pauschale Empfehlung, einige Tropfen Öl in heißes Wasser zu geben, sollte deshalb gestrichen werden.

Anwendung von Kamillenöl

Kamillenöl sollte ausschließlich entsprechend der Packungsbeilage eines geeigneten Arzneimittels verwendet werden. Die HMPC-Bewertung bezieht sich auf verdünnte Badezubereitungen für Jugendliche ab zwölf Jahren und Erwachsene.

Unverdünntes ätherisches Öl sollte nicht eigenständig auf Haut oder Schleimhäute aufgetragen werden. Es darf nicht in Augen, Mund oder andere empfindliche Körperbereiche gelangen.

Behandlungsdauer

Wenn Beschwerden länger als eine Woche anhalten oder sich während der Anwendung verschlimmern, sollte ärztlicher oder pharmazeutischer Rat eingeholt werden.

Eine frühere Abklärung ist insbesondere erforderlich bei:

  • starken oder zunehmenden Bauchschmerzen

  • Fieber

  • Blut im Stuhl

  • Atemnot

  • eitrigen oder ausgeprägten Hautentzündungen

  • tiefen oder schlecht heilenden Wunden

  • unklaren Beschwerden im Anal- oder Genitalbereich

Allergien und Gegenanzeigen

Kamillenzubereitungen dürfen nicht angewendet werden, wenn eine Überempfindlichkeit gegen Kamille oder andere Korbblütler bekannt ist.

Mögliche Kreuzreaktionen bestehen beispielsweise mit:

  • Beifuß

  • Arnika

  • Ringelblume

  • Schafgarbe

  • Chrysanthemen

  • anderen Korbblütlern

Vollbäder mit Kamillenzubereitungen sind nicht geeignet bei:

  • offenen Wunden oder großflächigen Hautschäden

  • akuten Hauterkrankungen

  • hohem Fieber

  • schweren Infektionen

  • schweren Kreislaufstörungen

  • Herzschwäche

Auch Teil- und Sitzbäder sind bei offenen Wunden, größeren Hautschäden, akuten Hauterkrankungen, hohem Fieber oder schweren Infektionen nicht vorgesehen.

Schwangerschaft und Stillzeit

Für einen einfachen Teeaufguss aus Kamillenblüten bewertet die HMPC-Monografie die Sicherheit während Schwangerschaft und Stillzeit als etabliert. Die pauschale Aussage, es lägen grundsätzlich keine ausreichenden Erkenntnisse vor, ist daher nicht korrekt.

Für zahlreiche andere Zubereitungen, insbesondere konzentrierte Extrakte und bestimmte äußerliche Arzneiformen, reichen die Daten dagegen nicht aus. Hier wird die Anwendung während Schwangerschaft und Stillzeit nicht empfohlen.

Kamillenhaltige Produkte sollten vor dem Stillen vollständig von Brust und Brustwarze entfernt werden. Dadurch soll verhindert werden, dass der Säugling das Mittel aufnimmt oder sensibilisiert wird.

Für Kamillenöl ist die Sicherheit während Schwangerschaft und Stillzeit nicht ausreichend belegt. Von einer Anwendung wird deshalb abgeraten.

Nebenwirkungen

Überempfindlichkeitsreaktionen sind möglich. Nach Kontakt flüssiger Kamillenzubereitungen mit Schleimhäuten wurden auch schwere allergische Reaktionen beschrieben, darunter:

  • Atemnot

  • Angioödem

  • Kreislaufkollaps

  • anaphylaktischer Schock

Die Häufigkeit dieser Reaktionen ist nicht bekannt. Bei Atemnot, Schwellungen im Gesicht oder Rachen, ausgeprägtem Schwindel oder Kreislaufbeschwerden ist sofort medizinische Hilfe erforderlich.

Wechselwirkungen

Die Aussage „keine Wechselwirkungen bekannt“ muss eingeschränkt werden.

Für äußerliche Anwendungen, Mundspülungen, Inhalationen und Badezusätze sind keine Wechselwirkungen dokumentiert. Bei einem nierentransplantierten Menschen wurden jedoch nach längerfristiger Einnahme hoher Kamillendosen mögliche Wechselwirkungen über das Cytochrom-P450-Enzymsystem beschrieben.

Menschen nach einer Organtransplantation oder mit Arzneimitteln geringer therapeutischer Breite sollten eine längerfristige oder hoch dosierte Einnahme daher ärztlich beziehungsweise pharmazeutisch abklären.