Kleiner Odermennig

Botanischer Name

Agrimonia eupatoria L.

Familie

Rosengewächse (Rosaceae)


Verbreitung und Standort

Das natürliche Verbreitungsgebiet des Kleinen Odermennigs erstreckt sich über weite Teile Europas und reicht bis nach Westasien und Nordafrika. Auch auf den Azoren sowie im südlichen Skandinavien kommt die Art vor.

Bevorzugt besiedelt sie warme, sonnige und eher trockene Standorte. Typische Fundorte sind Wegränder, Böschungen, lichte Gebüschsäume, trockene Wiesen und Waldränder.

Die Herkunft des Gattungsnamens Agrimonia ist nicht abschließend geklärt. Auch für das Artepitheton eupatoria finden sich unterschiedliche Deutungen. Teilweise wird ein Zusammenhang mit der früheren Verwendung der Pflanze bei Leberbeschwerden angenommen. Andere Erklärungen beziehen den Namen auf Mithridates VI. Eupator, einen König von Pontos, dem umfangreiche Kenntnisse über Heil- und Giftpflanzen zugeschrieben wurden. Eine eindeutige etymologische Herleitung ist daher nicht möglich.

Botanische Merkmale

Der Kleine Odermennig ist eine mehrjährige krautige Pflanze. Er erreicht gewöhnlich eine Höhe von etwa 30 bis 100 Zentimetern. Sein aufrechter Stängel ist mit deutlich abstehenden Haaren besetzt.

Die wechselständig angeordneten Blätter sind unpaarig gefiedert. Zwischen den größeren Fiederblättchen befinden sich kleinere Zwischenblättchen. Die Blattränder sind gesägt. Während die Oberseite dunkelgrün und locker bis seidig behaart erscheint, ist die Unterseite aufgrund ihrer dichten Behaarung graugrün bis graufilzig. Am Blattgrund sitzen auffällige Nebenblätter.

Am Ende des Stängels entwickelt sich ein langer, schmaler und ährenähnlicher Blütenstand. Die zahlreichen goldgelben Einzelblüten haben einen Durchmesser von ungefähr fünf bis acht Millimetern. Sie öffnen sich nacheinander von unten nach oben. Deshalb können sich im unteren Abschnitt bereits Früchte befinden, während im oberen Teil noch Blüten geöffnet sind.

Die reifen Fruchtbecher tragen mehrere Reihen hakenförmiger Borsten. Damit bleiben sie im Fell vorbeistreifender Tiere oder an der Kleidung von Menschen hängen. Die Samen werden auf diese Weise über größere Entfernungen verbreitet. Diese Form der Ausbreitung wird als Epichorie bezeichnet.

Die Hauptblütezeit liegt zwischen Juni und August, regional kann sie bis in den September reichen.

Arzneilich genutzter Pflanzenteil

Als Arzneidroge wird das Odermennigkraut, lateinisch Agrimoniae herba, verwendet. Es besteht aus den während der Blüte gesammelten und anschließend getrockneten oberirdischen Pflanzenteilen. Dazu gehören insbesondere Stängel, Blätter, Blüten und teilweise bereits entwickelte Früchte.

Handelsware stammt unter anderem aus südosteuropäischen Ländern wie Bulgarien, Ungarn und Kroatien. Da sich Herkunftsgebiete und Lieferketten verändern können, sollte diese Angabe bei einer Veröffentlichung mit einer aktuellen Quelle belegt werden.

Inhaltsstoffe

Charakteristisch ist der Gehalt an Gerbstoffen, zu denen vor allem Catechingerbstoffe gehören. Daneben enthält Odermennigkraut verschiedene Flavonoide. In der Fachliteratur werden außerdem Phenolcarbonsäuren und weitere sekundäre Pflanzenstoffe beschrieben.

Medizinische Verwendung

Bewertung durch das HMPC

Der Ausschuss für pflanzliche Arzneimittel der Europäischen Arzneimittel-Agentur, kurz HMPC, führt Odermennigkraut als traditionell verwendetes pflanzliches Arzneimittel. Diese Bewertung beruht auf einer langjährigen medizinischen Anwendung. Sie bedeutet nicht, dass die Wirksamkeit durch ausreichende klinische Studien nach modernen Maßstäben belegt ist.

Nach der HMPC-Monografie kommt eine traditionelle Anwendung in folgenden Bereichen infrage:

  • zur Linderung leichter Durchfälle

  • als Gurgellösung bei leichten Entzündungen im Mund- und Rachenraum

  • äußerlich bei geringfügigen Hautentzündungen und kleinen oberflächlichen Wunden

Die Registrierung traditioneller pflanzlicher Arzneimittel richtet sich in Deutschland nach den gesetzlichen Vorgaben des Arzneimittelgesetzes, insbesondere den §§ 39a ff. AMG.

Bewertung durch ESCOP

ESCOP nennt die innerliche Anwendung bei leichten Durchfällen. Äußerlich wird Odermennigkraut als Gurgellösung bei Entzündungen der Mund- und Rachenschleimhaut sowie in Form von Spülungen oder Kompressen zur Unterstützung der Wundbehandlung beschrieben. Die Bewertung stützt sich vor allem auf die dokumentierte langjährige Anwendung.

Bewertung der Kommission E

Die Kommission E bewertete Odermennigkraut für die innerliche Anwendung bei leichten, unspezifischen Durchfallerkrankungen positiv. Als äußerliche Anwendungsbereiche nannte sie Entzündungen der Mund- und Rachenschleimhaut sowie leichte, oberflächliche Hautentzündungen.

Bei der Kommission E handelt es sich um historische wissenschaftliche Aufbereitungsmonografien. Für aktuelle Aussagen zur Anwendung und Sicherheit sollten ergänzend die jeweils geltenden HMPC- und Arzneimittelinformationen herangezogen werden.

Darreichungsformen

Odermennigkraut kann in pflanzlichen Arzneimitteln unter anderem in folgenden Formen enthalten sein:

  • zerkleinertes Kraut zur Zubereitung eines Aufgusses oder einer Abkochung

  • alkoholische Tinktur

  • Flüssigextrakt

  • Lösung zum Gurgeln oder zur äußerlichen Anwendung

  • Zubereitung als Badezusatz

Bei Fertigarzneimitteln sind die Dosierungsangaben und Anwendungshinweise der jeweiligen Packungsbeilage maßgeblich.

Dosierung nach der HMPC-Monografie

Die nachfolgenden Angaben beziehen sich auf Jugendliche ab zwölf Jahren, Erwachsene und ältere Menschen.

Bei leichtem Durchfall

Für einen Teeaufguss werden 1,5 bis 4 Gramm zerkleinertes Odermennigkraut mit bis zu 250 Millilitern kochendem Wasser übergossen. Die Anwendung erfolgt zwei- bis dreimal täglich.

Für Tinkturen und Flüssigextrakte gelten produktspezifische Dosierungen. Hier sind die Angaben der Packungsbeilage zu beachten.

Zum Gurgeln

Für einen Aufguss werden 1,5 Gramm zerkleinertes Kraut mit 150 Millilitern kochendem Wasser angesetzt. Die Zubereitung kann zwei- bis viermal täglich zum Gurgeln verwendet werden.

Alternativ nennt die HMPC-Monografie eine Abkochung aus 3 bis 4,5 Gramm Odermennigkraut und höchstens 250 Millilitern Wasser. Diese kann zwei- bis dreimal täglich eingesetzt werden.

Die Flüssigkeit darf vor der Anwendung nur noch angenehm warm sein.

Zur äußerlichen Anwendung

Für eine Abkochung werden nach der HMPC-Monografie 3 bis 10 Gramm des zerkleinerten Krauts mit höchstens 250 Millilitern Wasser zubereitet. Mit der abgekühlten Flüssigkeit kann eine geeignete Auflage getränkt und auf die betroffene Hautstelle gelegt werden.

Eine entsprechend zubereitete Abkochung kann außerdem zweimal täglich als Badezusatz verwendet werden. Die Dauer eines Bades soll höchstens 30 Minuten betragen.

Wichtige Anwendungshinweise

Odermennigkraut wird für Kinder unter zwölf Jahren nicht empfohlen, da keine ausreichenden Daten zur sicheren Anwendung vorliegen.

Bei Durchfall sollte ärztlicher oder pharmazeutischer Rat eingeholt werden, wenn:

  • die Beschwerden länger als drei Tage bestehen

  • Blut im Stuhl auftritt

  • der Durchfall wiederholt auftritt

  • sich die Beschwerden während der Anwendung verschlimmern

Bei Beschwerden im Mund- und Rachenraum, Hautentzündungen oder oberflächlichen Wunden ist fachlicher Rat erforderlich, wenn die Symptome zunehmen oder länger als eine Woche anhalten.

Ausgeprägter oder anhaltender Durchfall kann zu einem erheblichen Flüssigkeits- und Elektrolytverlust führen. Die ausreichende Zufuhr von Flüssigkeit und Elektrolyten ist daher besonders wichtig.

Schwangerschaft und Stillzeit

Für die Anwendung während der Schwangerschaft und Stillzeit liegen keine ausreichenden Sicherheitsdaten vor. Die HMPC-Monografie empfiehlt deshalb, Odermennigkraut in diesen Zeiträumen nicht anzuwenden. Auch zur Beeinflussung der Fruchtbarkeit stehen keine ausreichenden Daten zur Verfügung.

Gegenanzeigen

Odermennigkraut darf nicht angewendet werden, wenn eine Überempfindlichkeit gegen die Pflanze bekannt ist.

Nebenwirkungen

Zum Zeitpunkt der HMPC-Bewertung waren keine Nebenwirkungen bekannt. Das bedeutet nicht, dass unerwünschte Reaktionen grundsätzlich ausgeschlossen sind. Treten Beschwerden oder ungewöhnliche Reaktionen auf, sollte die Anwendung beendet und fachlicher Rat eingeholt werden.

Wechselwirkungen

In der HMPC-Monografie sind keine Wechselwirkungen mit anderen Arzneimitteln dokumentiert. Die Formulierung „keine bekannt“ darf jedoch nicht mit einem gesicherten Ausschluss sämtlicher Wechselwirkungen gleichgesetzt werden.